In meinen fünfzehn Jahren als Führungskraft habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich immer wieder überrascht: Die erfolgreichsten Menschen sind oft diejenigen, die am schlechtesten für sich selbst sorgen. Sie können Teams führen, komplexe Projekte managen und schwierige Kunden zufriedenstellen – aber wenn es darum geht, sich selbst die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, versagen sie kläglich.
Was ich gelernt habe: Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern ein Geschäftsfaktor. Wer nicht für sich sorgt, brennt aus. Und ausgebrannte Führungskräfte kosten Unternehmen mehr, als die meisten zugeben wollen.
Perfektionismus: Der unsichtbare Saboteur
Der erste und vielleicht tückischste Feind der Selbstfürsorge ist unser eigener Perfektionismus. In einem Kundenprojekt vor drei Jahren erlebte ich hautnah, wie eine Abteilungsleiterin sich buchstäblich in den Burnout arbeitete. Sie konnte nicht delegieren, weil “niemand es so gut macht wie ich”. Sie nahm keine Pausen, weil “immer etwas Wichtiges zu erledigen war”.
Die Realität ist ernüchternd: Perfektionismus blockiert Selbstfürsorge, weil er uns vorgaukelt, dass wir erst dann eine Pause verdienen, wenn alles perfekt erledigt ist. Das Problem? Perfekt ist ein Zustand, den wir nie erreichen.
Was wirklich funktioniert: Die 80/20-Regel anwenden. Achtzig Prozent des Ergebnisses sind oft völlig ausreichend. Den Rest kann man später optimieren – wenn überhaupt nötig. Ich habe gelernt, “gut genug” als strategische Entscheidung zu betrachten, nicht als Versagen.
Dysfunktionale Einstellungen wie “Ich darf nicht egoistisch sein” oder “Ich habe alles im Griff” sind tief verwurzelte Glaubenssätze, die uns daran hindern, rechtzeitig auf die Bremse zu treten. Diese Überzeugungen entstehen oft schon in der Kindheit und manifestieren sich später im Berufsleben als chronische Selbstvernachlässigung.
Zeitmanagement-Mythen entlarven
“Ich habe keine Zeit für Selbstfürsorge” – diesen Satz höre ich in fast jedem Coaching-Gespräch. Hier liegt ein fundamentales Missverständnis vor: Selbstfürsorge hat kein Zeitproblem, sie hat ein Prioritätenproblem.
Lassen Sie mich ehrlich sein: Wir alle haben Zeit für das, was wir priorisieren. Der durchschnittliche Deutsche verbringt täglich über zwei Stunden in sozialen Medien, aber findet keine zehn Minuten für bewusstes Atmen. Das ist keine Zeitfrage, das ist eine Entscheidung.
Der Wendepunkt kommt, wenn wir verstehen: Selbstfürsorge ist Arbeitsschutz. Sie schützt unsere wichtigste Ressource – unsere Leistungsfähigkeit. In einem Projekt mit einem mittelständischen Unternehmen führten wir verpflichtende “Energie-Audits” ein. Führungskräfte mussten wöchentlich reflektieren, wie sie ihre Energie einsetzen und wo sie sie wieder auftanken.
Das Ergebnis? Produktivität stieg um zwölf Prozent, Krankenstand sank um achtzehn Prozent. Warum? Weil erschöpfte Menschen schlechte Entscheidungen treffen und mehr Fehler machen. Selbstfürsorge ist also keine verlorene Zeit, sondern eine Investition in bessere Performance.
Schuldgefühle: Der emotionale Bremsklotz
Einer der hartnäckigsten Blockierer ist das Schuldgefühl. Besonders in der deutschen Arbeitskultur ist die Vorstellung tief verwurzelt, dass Selbstfürsorge egoistisch sei. Das ist Nonsens, aber ein sehr verbreiteter Nonsens.
Hier die Realitätskontrolle: Ein Pilot, der erschöpft ist, gefährdet hunderte Leben. Ein Chirurg ohne ausreichend Schlaf macht fatale Fehler. Eine Führungskraft, die ausgebrannt ist, trifft Entscheidungen, die dem ganzen Unternehmen schaden können.
Selbstfürsorge ist nicht egoistisch – sie ist verantwortlich. Wer nicht für sich sorgt, kann langfristig auch nicht für andere sorgen. Diese Erkenntnis war für mich persönlich ein Gamechanger. Ich musste lernen, dass “Nein” zu unwichtigen Anfragen “Ja” zu meiner Familie und meinem Team bedeutet.
In einem Workshop mit Geschäftsführerinnen erarbeiteten wir gemeinsam eine Liste: Was passiert, wenn Sie ausfallen? Die Antworten waren erschreckend detailliert – und überzeugten die Teilnehmerinnen davon, dass Selbstfürsorge eine Führungsverantwortung ist, keine Selbstverständlichkeit.
Grenzen setzen: Die Kunst des strategischen Neins
Das Setzen von Grenzen ist eine der wichtigsten, aber auch schwierigsten Selbstfürsorge-Praktiken. In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer wieder, wie intelligente Menschen unfähig sind, “Nein” zu sagen – bis sie zusammenbrechen.
Die Wahrheit über Grenzen: Sie sind nicht Mauern, die andere ausschließen, sondern Zäune, die definieren, wo Ihr Verantwortungsbereich endet. Ohne klare Grenzen werden Sie zum Mülleimer für die Probleme anderer.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Eine Teamleiterin kam zu mir, völlig erschöpft von ständigen “Notfällen” ihrer Mitarbeiter. Wir analysierten ihre Termine und stellten fest: 60 Prozent der “Notfälle” waren vorhersehbare Probleme, die andere nicht selbst lösen wollten.
Die Lösung? Wir führten “Störungszeiten” ein – feste Zeiten, in denen Fragen gestellt werden durften, und klare Kriterien, was wirklich ein Notfall ist. Innerhalb von vier Wochen reduzierte sich ihre Unterbrechungsrate um 70 Prozent.
Grenzen zu setzen erfordert Mut, aber der Respekt, den Sie dafür erhalten, ist die Anstrengung wert.
Soziale Erwartungen und Rollenbilder
Besonders Frauen in Führungspositionen kämpfen mit gesellschaftlichen Erwartungen. Sie sollen perfekte Mütter, unterstützende Partnerinnen, erfolgreiche Karrierefrauen und dabei immer verfügbar sein. Diese Mehrfachbelastung ist ein Rezept für Erschöpfung.
Was ich beobachte: Männliche Führungskräfte nehmen sich häufiger Auszeiten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie gehen zum Golf, nehmen sich Zeit für Sport oder einfach für Nichtstun. Frauen hingegen fühlen sich oft schuldig, wenn sie nicht permanent produktiv sind.
Die gesellschaftlichen Rollenbilder sind tief verwurzelt, aber nicht unveränderlich. In einem Mentoring-Programm ermutigte ich eine Geschäftsführerin, ihre “Zeit für mich” genauso zu terminieren wie wichtige Meetings. Anfangs fühlte es sich “falsch” an, aber nach drei Monaten berichtete sie von deutlich besseren Entscheidungen und mehr Kreativität.
Der Wendepunkt: Verstehen Sie, dass Ihr Wohlbefinden direkte Auswirkungen auf Ihre Leistung hat. Unternehmen, die das begriffen haben, investieren in Wellness-Programme – nicht aus Altruismus, sondern weil es sich rechnet.
Überidentifikation mit der Arbeit
Ein Phänomen, das ich besonders bei Führungskräften in Start-ups und beim Mittelstand beobachte: Sie definieren sich ausschließlich über ihre Arbeit. “Wenn das Unternehmen läuft, läuft auch mein Leben” ist ein gefährlicher Trugschluss.
Die harte Realität: Unternehmen können scheitern, Stellen können wegfallen, Märkte können sich ändern. Wer sich ausschließlich über die Arbeit definiert, hat kein stabiles Fundament für sein Selbstwertgefühl.
Ich erlebte dies hautnah bei einem Kunden, dessen Start-up nach fünf Jahren scheiterte. Er hatte Jahre lang 80-Stunden-Wochen gearbeitet, alle Hobbys aufgegeben und Freundschaften vernachlässigt. Als das Unternehmen pleite ging, fiel er in ein tiefes Loch – nicht nur finanziell, sondern auch emotional.
Die Lösung liegt in der Diversifizierung – nicht nur des Portfolios, sondern auch der Identität. Wer bin ich außerhalb des Büros? Was macht mich als Person aus, unabhängig von meiner Position?
Negative Glaubenssätze überwinden
“Ich muss immer stark sein”, “Ich darf keine Schwäche zeigen”, “Wer rastet, der rostet” – diese und ähnliche Glaubenssätze sind tief in unserem Unterbewusstsein verankert. Sie stammen oft aus der Kindheit oder wurden durch frühere Berufserfahrungen geprägt.
Das Problem mit diesen Glaubenssätzen: Sie funktionieren kurzfristig, zerstören aber langfristig unsere Ressourcen. Wie ein Auto, das ständig im roten Drehzahlbereich fährt – irgendwann gibt der Motor auf.
In Coachings verwende ich oft die Technik des “Realitätschecks”: Ist der Gedanke “Ich muss immer erreichbar sein” wirklich wahr? Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn ich zwei Stunden offline bin? Oft stellt sich heraus, dass die befürchteten Katastrophen nie eintreten.
Ein praktischer Ansatz: Schreiben Sie negative Glaubenssätze auf und hinterfragen Sie jeden einzelnen. “Stimmt das wirklich?” “Wo ist der Beweis?” “Was würde ich einem Freund raten, der so denkt?”
Mangelnde Selbstwahrnehmung
Eines der größten Hindernisse für Selbstfürsorge ist paradoxerweise, dass wir oft gar nicht merken, wenn wir sie brauchen. Wir sind so sehr im Autopilot-Modus, dass wir die Warnsignale unseres Körpers und Geistes übersehen.
Warnsignale, die oft ignoriert werden: Ständige Müdigkeit, Gereiztheit, Schlafprobleme, nachlassende Kreativität, häufige Infekte. Wir interpretieren diese Symptome als normale Begleiterscheinungen des “erfolgreichen Lebens”, statt sie als Warnsignale zu erkennen.
Ein Geschäftsführer erzählte mir: “Ich dachte, permanent müde zu sein, gehört einfach dazu.” Erst als er eine Woche Urlaub machte und sich danach wie ein neuer Mensch fühlte, realisierte er, wie erschöpft er gewesen war.
Die Lösung: Regelmäßige Energie-Audits. Fragen Sie sich täglich: “Wie ist mein Energielevel von 1 bis 10?” “Was hat mir heute Energie gegeben?” “Was hat sie geraubt?” Diese simple Praxis schärft das Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse.
In einem Pilotprojekt mit einer Versicherung implementierten wir eine App, die dreimal täglich nach dem Energielevel fragt. Nach sechs Monaten hatten 80 Prozent der Nutzer ihre Selbstfürsorge-Routinen verbessert – einfach durch erhöhte Selbstwahrnehmung.
Umgang mit äußeren Stressoren
Nicht alle Hindernisse für Selbstfürsorge kommen von innen. Manchmal sind es reale äußere Umstände: ein toxischer Chef, unrealistische Deadlines, oder familiäre Krisen. Hier geht es nicht darum, die Umstände zu ignorieren, sondern trotz widriger Umstände für sich zu sorgen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Managerin arbeitete unter einem Chef, der ständig Last-Minute-Änderungen verlangte und Mitarbeiter vor dem Team kritisierte. Kündigen war keine Option – sie hatte zwei kleine Kinder und eine Hypothek zu bedienen.
Wir entwickelten eine Strategie der “Mikro-Selbstfürsorge”: fünfminütige Atemübungen zwischen Meetings, bewusste Mittagspausen (auch wenn nur im Auto), und abends zehn Minuten Journaling zur emotionalen Entlastung.
Der Schlüssel: Auch in schwierigen Umständen gibt es immer kleine Bereiche, die wir kontrollieren können. Diese zu identifizieren und zu nutzen, ist entscheidend für das langfristige Überleben in toxischen Umgebungen.
Häufig gestellte Fragen
Ist Selbstfürsorge nicht egoistisch?
Nein, Selbstfürsorge ist eine Verantwortung, nicht Egoismus. Wer nicht für sich sorgt, kann langfristig auch nicht für andere da sein. Wie im Flugzeug gilt: Erst die eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, dann anderen helfen.
Wie finde ich Zeit für Selbstfürsorge im vollen Terminkalender?
Selbstfürsorge braucht keine Stunden, sondern Priorität. Beginnen Sie mit fünf Minuten täglich. Bewusstes Atmen, kurze Spaziergänge oder achtsamer Kaffeegenuss – kleine Gesten mit großer Wirkung.
Was tue ich, wenn ich mich schuldig fühle bei Selbstfürsorge?
Schuldgefühle sind normal, aber unbegründet. Fragen Sie sich: “Wem helfe ich, wenn ich aus
